[Rezension] Das Waisenmädchen und der Lord von Laura Gambrinus

Laura Gambrinus
Das Waisenmädchen und der Lord

Format: Kindle Edition
Dateigröße: 2443 KB
Seitenzahl der Print-Ausgabe: 262 Seiten
Verlag: Cumedio Verlag (5. September 2018)

ASIN: B07H4Q1LZM

Darum geht es:

Nach der Schlacht von Waterloo findet sich Rennison Palmer-Lytton, der Marquess of Marlborough plötzlich in der Rolle des Vormunds der Tochter eines Sterbenden wieder. Er gedenkt dieses Versprechen einzuhalten und bereitet alles für die Ankunft des Mädchens auf Langton Abbey vor. Ein Hauslehrer und eine Nanny werden eingestellt, ein Kinderzimmer wird eingerichtet, ein Spielplatz wird gebaut… Sogar seine Mutter die Dowager Marchioness Margret Palmer-Lytton und seinen besten Freund Thomas Halsbury hat er um Unterstützung bei der Erziehung des Mädchens ersucht… Als dann endlich die Kutsche mit seinem Mündel Alice Bingham vorfährt, entsteigt ihr aber nicht etwa ein kleines Mädchen, sondern eine junge Frau.

Alice Bingham hat, seit der Vater in den Krieg zog, bei dem Lehrerehepaar Enfield gelebt. Als diese von ihrem neuen Vormund erfahren, sind sie entsetzt. Denn dieser trägt zu Recht den Beinamen „der wüste Marquess“. Die Warnungen der Enfields noch im Ohr, sie möge ihrem Vormund tunlichst aus dem Weg gehen, erwartet Alice, einem älteren, miesepetrigen Herrn gegenüber zu stehen. Stattdessen empfängt sie der schönste Mann, den Alice je gesehen hat. Allerdings strahlt dieser eine Kälte, Düsternis und Traurigkeit aus, die auf sie entmutigender wirken als jede Ermahnung. Abgeschreckt durch die Ausstrahlung ihres Vormunds beschließt Alice, die Warnungen der Enfields zu beherzigen und sich dumm, taub und stumm zu stellen. Ein Unterfangen, das ihr mehr als schwer fällt.

Von den neuen Umständen überrumpelt, gilt es für Rennison nun sein Mündel möglichst bald zu verheiraten. Doch offenbar ist diese nicht nur schüchtern und unscheinbar sondern auch noch dumm. Zum Glück nimmt sich seine Mutter der jungen Frau an und begibt sich auf die Suche nach geeigneten Heiratskandidaten.

Eines Abends erwischt Rennison Alice jedoch in der Bibliothek, in der sie sich ausgerechnet die Iliás von Homer als heimliche Lektüre aussucht. Alices Fassade vom naiven Dummchen lässt sich nicht länger aufrechterhalten.

Und dann tauchen die ersten Herren auf, die um die Erlaubnis bitten, ihr den Hof machen zu dürfen…

Ich sage dazu:

Herrlich! Ich habe mit großem Vergnügen mitverfolgt, wie bei seiner Lordschaft endlich der Kandelaber – oder wenigstens ein Nachtlicht – anging. Der gute hat nämlich vor, die Verpflichtung, die er einem Sterbenden gegenüber eingegangen ist, einzuhalten. Er sorgt für die äußeren Bedingungen, will Alice aber ansonsten nicht näher an sich heran kommen lassen. Dabei hat diese ihn mit ihrer temperamentvollen, klugen Art längst für sich eingenommen. Alice platzt nämlich wie ein Wirbelwind in das Leben des „wüsten“ Marquess, der seit dem Krieg eigentlich gar nicht mehr so „wüst“ ist.

Die Figuren, die die Autorin hier ersonnen hat, haben mir allesamt gut gefallen. Allen voran der grummelige Marquess, der nicht weiß wie ihm geschieht. Aber auch die lebenslustige Alice, die zwar weiß, was von ihr erwartet wird und sich in ihr Schicksal fügt, sich aber gleichzeitig nicht in Ketten legen lassen will. Die Dowager Marchioness war mir zwar nicht gerade sympathisch, konnte mich letztendlich jedoch überraschen.

Mit ihrem flüssigen und lockeren Schreibstil hatte mich Laura Gambrinus sofort am Wickel. Einmal begonnen, konnte ich ihre Geschichte von Alice und ihrem begriffsstutzigen Lord nicht wieder aus der Hand legen. Dabei kommt sie gänzlich ohne kompromittierende Szenen aus. Sprachlich ist die Story alles andere als verstaubt, bringt aber trotzdem die gesellschaftlichen Grenzen und Zwänge des Regency hervorragend Ausdruck. Manch eine Szene hat mir zudem das ein oder andere Schmunzeln entlockt.

Alles in allem hat mir dieser Roman ganz einfach Riesenspaß gemacht. Von mir gibt es daher eine glasklare Leseempfehlung.